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Milchkonsum in der Kritik

Gesunde Milch und glückliche Kühe?

Dr. phil. Kerstin Engels

Milch ist ein großes Streitthema. Doch warum verzichten immer mehr Menschen auf Milch, Joghurt und Käse? Die Kritiker behaupten, Milch sei ungesund. Doch was sagen Ernährungsexperten und Wissenschaft? Und wie steht es mit dem Tierschutz?

Rund 125 Kilogramm Milch und Milchprodukte nimmt jeder Mensch in Deutschland im Schnitt pro Jahr zu sich.  Dennoch ist kaum ein Ernährungsthema so umstritten wie die Milch. Schon seit Jahren wächst das Interesse an Alternativen zu Milchprodukten. Doch was sind für immer mehr Menschen die Gründe, auf Milch, Joghurt und Käse zu verzichten?

Worum geht es beim Streit um die Milch?

Kuh-martinme2d pixabay cow-409566 640 kompWie bei allen kontroversen Ernährungsthemen ist die Gemengelage kompliziert, zumal die Kritiker unterschiedliche Gründe gegen den Milchkonsum ins Feld führen. Denn für die einen stehen eher gesundheitliche Aspekte im Vordergrund, bei anderen sind es ethische Fragen.

Ein wichtiger Punkt dabei: Milch hat eine starke Lobby, denn die industrielle Milchverarbeitung ist ein Milliardengeschäft. Rund 25 Milliarden Euro setzt die Branche jährlich in Deutschland um. Und die fast 80.000 Höfe mit Milchkühen sind ein großer Wirtschaftsfaktor.

Dabei wird in Deutschland wesentlich mehr Milch produziert als in allen anderen europäischen Ländern. Milch zählt zu den wichtigen Exportschlagern: Mehr als 2,5 Millionen Tonnen Milch und über eine Million Tonnen Käse liefern die Deutschen jährlich in die ganze Welt. 

Solche enormen wirtschaftlichen Interessen mischen sich mit Politik, medizinischen Erkenntnissen, Glaubenssätzen und Propaganda. Je nach Stoßrichtung ist Milch dann entweder ein unentbehrliches Lebensmittel oder aber ein Gesundheitsrisiko. Und natürlich sehen sich die Milchbefürworter ebenso wie die Kritiker von der Wissenschaft bestätigt.

Themen

Milch und Gesundheit

Laktoseintoleranz

Kuhmilchallergie

Glückliche Kühe?

Ist Milch ungesund?

Gesundheits- und Ernährungsexperten streiten sich schon lange, ob Milch tatsächlich ein gesundes Lebensmittel ist. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und alle offizielle Stellen empfehlen Milch und Milchprodukte als einen wesentlichen Bestandteil der täglichen Ernährung

Milch soll zur Versorgung mit Eiweiß beitragen, das der Körper für den Aufbau von Zellen benötigt. Außerdem gelten Milchprodukte als der beste Lieferant von Kalzium. So enthalten 100 ml Milch rund 120 mg Kalzium, Käse noch deutlich mehr. Zur Orientierung: Der Tagesbedarf eines Erwachsenen liegt bei 1000 mg Kalzium, ist aber tatsächlich von weiteren Faktoren abhängig, etwa der Aufnahme von Vitamin D. Milchprodukte sollen die Knochen stärken und zum Schutz vor Osteoporose (Knochenschwund) beitragen.

Besonders in der Alternativmedizin gibt es dagegen schon lange starke Zweifel an dem gesundheitlichen Nutzen des Milchtrinkens. Immer wieder wurde der Konsum von Milch mit Krankheiten in Verbindung gebracht, ob Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Fettleibigkeit, Parkinson oder Krebs.

Vor allem das Buch „The China Study“ sorgte 2004 für großes Aufsehen (2010/2011 auf Deutsch erschienen). Mit dem Titel beziehen sich die Autoren, Colin und Thomas Campbell auf eine umfangreiche epidemiologische Ernährungsstudie. Der Wissenschaftler Colin Campbell leitete in den 1970-er und -80-er Jahren das sogenannte China-Cornell-Oxford-Projekt, das umfassende Daten zur Ernährung und Gesundheit in China erhob. In "The China Study" kommen sie unter anderem zu dem Schluss, dass tierische Produkte, vor allem das in Milch enthaltene Kasein, die Ursache für viele chronische Erkrankungen im Westen darstellen. Campbell und Campbell plädieren daher für eine vegane Ernährung. Kritiker der Studie halten die Schlussfolgerungen allerdings zum Teil für unzulässig und bemängeln methodische Fehler. Für die Befürworter der veganen Ernährung gehört die China Study dagegen bis heute mit zu den wichtigsten Publikationen. 

Kritische Forschungsergebnisse zur Gesundheit von Milch gibt es immer wieder. Im Jahr 2014 hatte eine schwedische Studie ein starkes Medienecho. Die Forscher werteten die Daten von über 100.000 schwedischen Frauen und Männern aus. Die Männer waren über einen Zeitraum von elf Jahren, die Frauen etwa 20 Jahre lang regelmäßig zu Essgewohnheiten, Lebensstil und Gesundheit befragt worden.

Unter den Befragten führte ein höherer Milchkonsum nicht zu einem geringeren Risiko von Osteoporose. Die Forscher berichteten stattdessen vom Gegenteil: Je mehr Milch getrunken wurde, desto mehr Knochenbrüche gab es. Darüber hinaus war sogar die Sterblichkeit erhöht, wenn mehr Milch getrunken wurde.

Die Wissenschaftler vermuteten, dass die im Milchzucker (Laktose) enthaltene Galaktose das Problem darstellt. Demnach könnte die Galaktose Entzündungen und oxidativen Stress mit verursachen. Für die These sprach, dass fermentierte Milchprodukte wie Joghurt oder Käse eher einen positiven Effekt hatten. Sie enthalten einen wesentlich geringeren Anteil an Milchzucker.

Die Forscher gaben auf Basis ihrer Befunde keine Ernährungsempfehlungen, sondern hielten weitere Studien für nötig. Sie hegten jedoch klare Zweifel an der Empfehlung, Milch zur Vorbeugung von Knochenbrüchen zu trinken.

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Weit verbreitet: Laktoseintoleranz

Viele Menschen vertragen keine Milch, weil sie sie nicht verdauen können. Der Grund ist eine Milchzuckerunverträglichkeit. Dies betrifft in Deutschland nach Schätzungen rund 15 Prozent der Bevölkerung. Weltweit ist der Anteil der Menschen, die keinen Milchzucker vertragen, deutlich in der Mehrheit und wird auf 70 bis 80 Prozent geschätzt.

Die Ursache für diese Unverträglichkeit ist, dass eigentlich nur Säuglinge und Kleinkinder das Enzym Laktase bilden, mit dem die Muttermilch verdaut werden kann. Nach der Entwöhnung produziert der Körper das Enzym dann kaum noch. Dass Erwachsene Milchzucker verstoffwechseln können, verdanken sie einer genetischen Veränderung, die nur wenige tausend Jahre alt ist.

Erst als Volksstämme begannen, Tiere zu halten und zu melken, entwickelten sie langsam die Fähigkeit, auch als Erwachsene Laktase zu produzieren. In vielen Gegenden der Welt, ob in Asien oder Afrika, ist die Milchzuckerunverträglichkeit von Erwachsenen dagegen bis heute der Normalzustand.

Abgesehen von dieser weltweit „normalen“ Laktoseintoleranz im Erwachsenenalter gibt es in seltenen Fällen auch einen angeborenen Laktasemangel, der auf einen Gen-Defekt zurückgeführt wird. Darüber hinaus können chronische Darmerkrankungen, Entzündungen oder andere Schäden des Verdauungssystems eine Laktoseintoleranz verursachen.

Typische Symptome einer Laktoseintoleranz sind Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfälle oder auch Übelkeit. Beim Verdacht auf eine Laktoseintoleranz sollte ein Test beim Arzt durchgeführt werden.

Kuhmilchallergie bei Säuglingen

Es gibt aber noch andere Gründe, warum Menschen keine Milch vertragen. Nicht zu verwechseln mit der Laktoseintoleranz ist eine Kuhmilchallergie. Dabei reagiert das Immunsystem allergisch auf das Milcheiweiß. Vor allem bei Säuglingen tritt eine Allergie gegen Kuhmilch häufiger auf – bei bis zu sieben Prozent. Allergie/Milch Erwachsene sind deutlich seltener betroffen. 

Die Abwehrreaktion kann sich gegen unterschiedliche Milcheiweiße richten, denn Milch enthält etwa 25 verschiedene Proteine. Typische Symptome einer Kuhmilchallergie sind Hautekzeme und Juckreiz, Atemwegsprobleme sowie Blähungen oder Durchfälle.

Zwar klingt die Allergie in vielen Fällen innerhalb von Monaten ab, allerdings entwickeln die Kinder später häufiger andere Allergien. Vor allem Stillen beugt nach Auffassung von Medizinern der Entwicklung von Allergien vor

Falls das Stillen nicht möglich ist, empfehlen Experten spezielle hypoallergene Säuglingsnahrung auf Milchbasis. Sojaprodukte, die bei Erwachsenen eine beliebte Alternative zur Milch darstellen, gelten dagegen für Säuglinge als problematisch.

Unklar ist vor allem, wie sich die in Sojaprodukten enthaltenen Isoflavone, hormonähnliche Stoffe, auf die Entwicklung von Säuglingen auswirken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und das Bundesinstitut für Risikobewertung empfehlen deshalb, Säuglingsnahrung auf Sojabasis nur mit ärztlicher Beratung zu verwenden

Bei Milchallergien gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. Eine häufige Behandlungsmethode ist die Hyposensibilisierung. Dabei wird Milch zunächst tröpfchenweise und dann in immer höheren Dosen verabreicht. Das Immunsystem wird so an das Allergen gewöhnt.

Je nach Art und Intensität der Allergie werden Milch oder bestimmte Milchprodukte auch ganz vermieden. In bestimmten Fällen tritt die Allergie dann nicht auf, wenn die Milch ausreichend erhitzt wurde.

Wo sind die glücklichen Kühe?

Gesundheitliche Bedenken sind aber nicht die einzigen Gründe, warum immer mehr Menschen Milch und Milchprodukte ablehnen. Milch wird heute zum weitaus größten Teil unter industriellen Bedingungen „produziert“, die nichts mit den glücklichen Kühen in der Werbung zu tun haben. Tatsächlich ist das Leben der Kühe in Deutschland überwiegend kurz und qualvoll. So vegetiert fast ein Drittel von ihnen in der sogenannten Anbindehaltung. Diese Tiere dürfen sich während ihres ganzen Lebens nicht bewegen und haben keinen Kontakt mit Artgenossen. Die Glücklicheren leben in dunklen Laufställen auf schmierigen Beton- und Spaltenböden. Eine Wiese sehen die meisten Kühe nie.

Doch nicht nur die Haltungsbedingungen machen den Tieren das Leben zur Qual. Durch Zucht sind Milchkühe heutzutage so zugerichtet, dass sie bis zu 50 Liter Milch pro Tag produzieren. Zum Vergleich: Im Normalfall gibt eine Kuh nach der Geburt eines Kalbs etwa acht Liter Milch. Damit die Milchproduktion rentabel ist, sind die Kühe zudem noch während sie Milch geben wieder trächtig.

Das Kalb wird nach der Geburt von der Mutter entfernt und meist einzeln in Kälberboxen gesperrt. Den Kälbern blühen überwiegend schmerzhafte Erfahrungen, bis die meisten von ihnen mit etwa neun Monaten geschlachtet werden: Ohrmarken, Enthornungen mit heißen Brenneisen an Nervenenden, Kastration oft ohne Narkose.

Wegen der permanenten „Hochleistung“ werden den Kühen große Mengen von Medikamenten verabreicht. Dazu zählen hunderte Tonnen Antibiotika jährlich, vor allem gegen die verbreiteten Euterentzündungen, aber auch andere haltungsbedingte Krankheiten. Nach drei bis fünf Jahren ist eine Milchkuh zumeist vollständig ausgezehrt und wird geschlachtet. Die natürliche Lebenserwartung einer Kuh liegt zwischen zwölf und 20 Jahren.

Sowohl die Haltung als auch die Zucht der Kühe steht in großen Teilen in eklatantem Widerspruch zum geltenden Tierschutz. Wegen der immensen wirtschaftlichen Bedeutung der Milch sehen Politik und „Milchindustrie“ darüber aber großzügig hinweg. Die meisten Verbraucher tun es ja auch.

 

Quellen und Links

Milch als Wirtschaftsfaktor 

Milchindustrie-Verband e.V. Beilage zum Geschäftsbericht 2012/2013 Zahlen – Daten – Fakten (pdf-Dokument) 

Milchindustrie-Verband e.V.: Deutschland. Pro-Kopf-Verbrauch von Milchprodukten (pdf-Dokument, Stand: April 2015) 

Europäische Kommission, Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung: Milch und Milchprodukte (online abgerufen 14.6.2015) 

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Tabellen: Betriebe mit Milchkuhhaltung nach Bestandsgrößenklassen (online abgerufen am 14.6.2015) 

Exportunion für Milchprodukte e.V.: Export- und Importdaten (Informationen online abgerufen am 14.6.2015) 

Milch und Gesundheit 

Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: DGE-Ernährungskreis (online abgerufen am 15.6.2015) 

T. Colin Campbell, Thomas M. Campbell (2011): China Study. Die wissenschaftliche Begründung für eine vegane Ernährungsweise, Verlag Systemische Medizin, 2. Auflage, (ursprüngl. Titel (2010): Die „China Study“ und ihre verblüffenden Konsequenzen für die Lebensführung), engl. (2004): The China Study: The most comprehensive Study of Nutrition ever conducted and the startling Implications for Diet, Weight Loss, and long-term Health

Claus Leitzmann: Was ist von der China Study zu halten? UGB-Forum 6/12, S. 305 (online abgerufen am 14.6.2015) 

Karl Michaëlsson et al., Milk intake and risk of mortality and fractures in women and men: cohort studies, BMJ, September 2014 (online abgerufen am 13.6.2015)

Medienecho zur schwedischen Studie 2014

aerzteblatt.de: Milch könnte Fraktur- und Sterberisiko im Alter erhöhen, 29.10.2014 (abgerufen 14.6.2015) 

Ärztezeitung online: Milch macht wohl doch nicht so munter, 6.11.2014 (abgerufen 13.6.2015) 

Nina Weber: Schwedische Studie. Stärkt Milch die Knochen - oder nicht? Spiegel online, 29.10.2014 (abgerufen 13.6.2014) 

Gesund oder ein Killer? Neue Studie: Zu viel Milch kann zu früherem Tod führen, Focus, 29.10.2014 (abgerufen 13.6.2014) 

N24: Studie aus Schweden – Viel Milch führt womöglich zu früherem Tod, 29.10.2014 (abgerufen 13.6.2014) 

welt.de: Viel Milch senkt womöglich die Lebenserwartung, 29.10.2014 (abgerufen 13.6.2014) 

Laktoseintoleranz

J. Burger, M. Kirchner, B. Bramanti, W. Haak, M. G. Thomas: Absence of the lactase-persistence-associated allele in early Neolithic Europeans. In: PNAS. Band 104, Nr. 10, vom 6 März 2007, S. 3736–3741, doi:10.1073/pnas.0607187104 (abgerufen am 13.6.2014) 

Daniela Zeibig: Verträglichkeit für Milchzucker entstand überraschend spät, Spektrum.de, 22.10.2014 (abgerufen 13.6.2014) 

Cristina Gamba et al.: Genome flux and stasis in a five millennium transect of European prehistory, Nature Communications 5, 5257, doi:10.1038/ncomms6257, 21.10.2014, (abgerufen 12.6.2014) 

Kuhmilchallergie

Roland Irion: Milch. Typ I-Nahrungsmittelallergen, (potenzielles) Typ IV-Kontaktallergen, Alles zur Allergologie, 6.6.2015 (abgerufen 12.6.2014)

Bundesinstitut für Risikobewertung: Säuglingsnahrung aus Sojaeiweiß ist kein Ersatz für Kuhmilchprodukte. Presseinformation 21/2007, 19.11.2007 (abgerufen 12.6.2014)

Deutsche Haut- und Allergiehilfe e.V.: Allergien vorbeugen durch Ernährung (abgerufen 12.6.2014)

Tierethik

Tanja Busse, Urs Willmann: Natur aus der Fabrik, Zeit online 2.2.2009 (abgerufen 12.6.2014) 

peta.de: Kuhmilch - grausam und unnatürlich (abgerufen 12.6.2014) 

 

Bildnachweis: martinme2d/pixabay