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Rolfing

Den Körper sanft in Form bringen

Dr. phil. Kerstin Engels

Rolfing ist eine Mischung aus Massage und Körperarbeit, benannt nach der amerikanischen Wissenschaftlerin Ida Rolf. Sie selbst bezeichnete ihre Methode als „Strukturelle Integration“.

Aufrechter Gang Evolution Nemo pixabay 296400 640Im Mittelpunkt steht beim Rolfing die Behandlung des Bindegewebes. Ida Rolf erkannte bereits vor Jahrzehnten, die große Bedeutung dieser Strukturen für unser Wohlbefinden. Ihr Ansatz erweist sich heute als aktueller denn je. Ob in der Fitnessbranche und Trainingslehre oder in der Medizin – die Rolle der Faszien, also der Bindegewebsflächen im Körper, gehört zu den heiß diskutierten Themen.

Wieder entdeckt: Faszien

Faszien sind das Bindegewebsnetzwerk im Körper. Es verbindet Muskeln, Organe, Sehnen und Knochen. Die dünne Gewebsschicht besteht vor allem aus Kollagen, Bindegewebszellen und Elastin.

In der Medizin galt lange die Ansicht, dass die Faszien nur passive Schutzhüllen der Muskeln und Organe sind und für stabile Verbindungen sorgen.

Doch diese Sichtweise verändert sich zunehmend. Studien an der Universität Ulm, dem „Fascia Research Project“, zeigten, dass Faszien sich beispielsweise durch Stress selbst zusammenziehen, sich aber auch entspannen können. Tatsächlich ist das Gewebe von Nervenzellen durchzogen. Es besitzt Schmerz- und Bewegungssensoren. Je nach Belastung produziert es Stoffe, die die Faszienstruktur verändern. Der Leiter des Ulmer Forschungsprojekts, Dr. Robert Schleip, ist nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ein ausgebildeter Rolfer. Er geht davon aus, dass die Faszien eine zentrale Rolle für die Körperwahrnehmung spielen, dass sie unser Immunsystem und sogar unsere Psyche beeinflussen.

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Die Sportwissenschaft hat das Thema Faszien ebenfalls entdeckt. So gilt das Faszientraining inzwischen als eine besonders effektive und gesundheitsfördernde Fitnessmethode.

Auch das Rolfing erscheint so plötzlich in neuem Licht. Lange Zeit galt die Behandlungsmethode aus wissenschaftlicher Sicht eher als esoterisch. Nun könnte die wissenschaftliche Erforschung der Faszien den Entdeckungen von Ida Rolf eine viel breitere Anerkennung bescheren.

Was ist das Ziel beim Rolfing?

Wie bei anderen Methoden der Körperarbeit geht es auch beim Rolfing darum, den Körper in eine positive Balance zu bringen. Körperliche Einschränkungen und gesundheitliche Probleme haben aus einer ganzheitlichen Sicht oft damit zu tun, dass Strukturen aus dem Lot geraten sind.

Häufig kommen Menschen zum Rolfing, um Verspannungen zu lösen, Schmerzen zu lindern oder die Beweglichkeit verbessern. Zu diesem Zweck wirkt ein Behandler mit sanftem Druck der Hände auf das Bindegewebe ein. Anders als die klassische Massage zielt Rolfing jedoch nicht auf die Muskulatur. Bearbeitet wird das Bindegewebe.

Das Fasziennetz umhüllt alle Muskeln und Organe. Es verbindet die Strukturen und formt den gesamten Körper. Aus einer ganzheitlichen Sicht können sich deshalb Störungen dieses Gewebes ungünstig auf alle anderen Strukturen des Körpers auswirken.

Bei der strukturellen Integration nach Ida Rolf geht es darüber hinaus noch um einen zweiten Punkt: Die Behandlung soll den Körper optimal an die Schwerkraft anpassen. Mit einer besseren Ausrichtung, so die Theorie des Rolfing, entwickelt ein Mensch die richtige Balance und freie Beweglichkeit.

Wie funktioniert Rolfing?

Rolfing wirkt gezielt auf die Faszien ein. Mit ihren Händen ertasten Rolfer Stellen, an denen das Bindegewebe verdickt oder verklebt ist. Gründe dafür können zum Beispiel Verletzungen sein. Auch einseitige Belastungen, Stress oder Haltungsfehler gelten als Ursachen dafür, dass sich das Bindegewebe ungünstig verschiebt. Verhärtungen des Gewebes lösen Rolfer auf, indem sie mit den Händen, aber auch Knöcheln oder sogar Ellbogen Druck auf die verschiedenen Schichten ausüben.

 

 

Meistens werden die Rolfing-Behandlungen als Serie ausgeführt. Typisch ist eine Reihe von zehn Sitzungen, die aufeinander aufbauen und den Körper nach und nach besser ausrichten sollen. Häufig ergänzen Körper- und Wahrnehmungsübungen, die auch in den Behandlungspausen auszuführen sind, die manuelle Therapie. Dazu gehört vor allem eine bewusste Schulung der Wahrnehmung in verschiedenen Haltungen, beim Gehen oder Sitzen. Der Körper soll auf diese Weise nach und nach wieder in seine natürliche Balance gebracht werden.

Eine einzelne Sitzung dauert in der Regel eine Stunde. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten grundsätzlich nicht. Diese liegen bei etwa 80 Euro pro Behandlung. Bei den privaten Krankenkassen ist eine Kostenübernahme unter bestimmten Umständen möglich – das muss jedoch individuell geklärt werden.

Wo kommt das Rolfing her?

Die Bezeichnung Rolfing ist eine eingetragene Marke. Die Methode stammt aus den USA und wurde in den 40er Jahren von der Biochemikerin Ida Rolf (1886-1979) entwickelt. Die Amerikanerin war eine umfassend naturwissenschaftlich ausgebildete Persönlichkeit. Als Forscherin am Rockefeller Institut befasste sie sich über Jahre mit dem menschlichen Bindegewebe.

Über ihre wissenschaftliche Arbeit hinaus setzte sich Ida Rolf intensiv mit ganzheitlichen, alternativmedizinischen Heilverfahren auseinander, beispielsweise mit der Osteopathie oder der Homöopathie. Auch Yoga und Fragestellungen zum Zusammenhang des menschlichen Bewusstseins mit körperlichen Zuständen flossen in ihre Denkweise mit ein. Aus diesen vielfältigen Ansätzen und Einflüssen entstand ihre Technik, über das Bindegewebe auf die Strukturen des Körpers einzuwirken. Ida Rolf wendete solche Behandlungen zunächst nur in ihrem persönlichen Umfeld an. Nach und nach wurde ihre Technik immer populärer und gewann an Zulauf.

Ida Rolf entwickelte die „Strukturelle Integration“ über rund zwanzig Jahre weiter, bevor sie 1971 das Rolf Institute of Structural Integration in Colorado gründete, das noch heute ein weltweit bekanntes Ausbildungszentrum für Rolfing darstellt. 

Für das Verständnis des Rolfing ist die ganzheitliche Betrachtungsweise Ida Rolfs wesentlich. Die Begründerin schöpfte nicht nur aus ihrem umfassenden Wissen über die menschliche Anatomie und Physiologie. Ein entscheidender Faktor in ihrer Vorgehensweise waren Quellen, die gesundheitliche Beschwerden nicht isoliert und abgekoppelt von dem Menschen als Ganzes betrachteten.

Wirkungen des Rolfing

Rolfing kann sehr unterschiedliche Wirkungen entfalten. Verklebungen oder Verdickungen des Bindegewebes können sich beispielsweise als Gelenk- oder Rückenschmerzen äußern. Aber auch Verspannungen, Kopfschmerzen oder Bewegungseinschränkungen können mit verschobenen Strukturen des Fasziennetzes zu tun haben. Durch die Rolfing-Sitzungen sollen Verspannungen gelöst werden, die unter Umständen an tief sitzende Probleme rühren. Rolfer und Patienten berichten zum Beispiel von Wechselwirkungen mit der Psyche, mit verborgenen Ängsten und Sorgen.

Das Ziel ist es aber nicht nur, Spannungen zu lösen, die Schmerzen verursachen. Wie in anderen Formen der Körperarbeit geht es auch beim Rolfing darum, die natürliche Balance wieder herzustellen. Ida Rolf ging davon aus, dass ein Mensch individuell an der Schwerkraft ausgerichtet sein muss. Viele Beschwerden führte sie auf ein gestörtes Gleichgewicht zurück. Die strukturelle Integration soll daher zu einer freien, entspannten Aufrichtung führen, wodurch sich die Beweglichkeit und auch die Atmung verbessern können. Viele Sportler, Schauspieler oder auch Tänzer schätzen Rolfing deswegen.

Rolfing versteht sich weniger als Therapie. Es soll eher dazu dienen, den Körper langfristig besser auszurichten. Trotzdem berichten viele Menschen, dass ihnen die Methode bei gesundheitlichen Problemen sehr geholfen hat.

Bislang gibt es keine großen klinischen Studien, die bestimmte Wirkungen eindeutig belegen würden. Allerdings zeigen einige kleinere Untersuchungen, dass sich in unterschiedlichen Bereichen positive Wirkungen entfalten können. In den USA wurde beispielsweise eine Studie mit Patienten durchgeführt, die Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule hatten. Behandlungen mit der Rolfing-Methode konnten die Probleme deutlich bessern. 

Wer bietet Rolfing-Behandlungen an?

Die Methode hat sich inzwischen in vielen westlichen Ländern etabliert. Das wichtigste weltweite Ausbildungszentrum ist das von Ida Rolf gegründete Rolf Institute of Structural Integration in den USA.

Doch auch in Europa werden inzwischen Rolfer ausgebildet, so etwa in München. Die standardisierte Ausbildung und Zertifizierung stellt ein international organisierter Berufsverband sicher, in Europa die European Rolfing Association. Unterschieden werden je nach Qualifikation Certified Rolfer, Certified Advanced Rolfer und Rolf Movement Practitioner. Weitere Informationen zur Ausbildung sind auf der Website des Verbands zu finden. 

Die Website der Organisation bietet auch ein Verzeichnis der zertifizierten Rolfer in Europa mit einer Suchfunktion für Anbieter in der Nähe. 

 

Links und weiterführende Quellen

Website der European Rolfing-Association 

Website des Rolf Institute of Structural Integration (USA) 

Forschungsübersicht, zusammengestellt von der ERA: http://www.rolfing.org/index.php?id=208&L=2 (abgerufen 16.01.2015)

Wikipedia-Artikel über Rolfing http://de.wikipedia.org/wiki/Rolfing (abgerufen 16.01.2015)

Website der AOK: Informationen über Rolfing (abgerufen 16.01.2015)

Robert Schleip: Faszien-Fitness. Vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport. RIVA Verlag 2014

Peter Schwind: Faszien - Gewebe des Lebens: Das geheimnisvolle Netzwerk des Körpers und seine Bedeutung für unsere Gesundheit. Irisiana 2014

Hubert Ritter: Rolfing. Strukturelle Integration (Bessere Haltung und Balance durch manuelle Behandlung. Richtig bewegen, Beschwerden vorbeugen. Mit Übungsprogramm für den Alltag)
noema Verlag 2012

Johanna Bayer: Faszien: Geheimnisvolle Bänder. Das Erste (14.10.2012, verfügbar bis 13.10.2017, abgerufen 16.01.2015) 

Herbert Hackl: Rolfing. Therapie soll Fehlhaltungen korrigieren. Bayerischer Rundfunk (22.10.2014, abgerufen am 16.1.2015)

Helen James, Luis Castaneda, Marilyn E. Miller, Thomas Findley: Rolfing structural integration treatment of cervical spine dysfunction, Journal of Bodywork and Movement Therapies. Vol. 13, July 2009, Pages 229–238

Hans G Brecklinghaus: Rolfing – Strukturelle Integration: Was die Methode kann, wie sie wirkt und wem sie hilft. Lebenshaus Verlag 4. Auflage 2004

Ida Rolf: Rolfing: Strukturelle Integration. Wandel und Gleichgewicht der Körperstruktur. Irisiana 2. Aufl. 1997

 

Bildnachweise: Nemo/pixabay

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